Liebe Marktheidenfelder Mitbürger!

Wir sind hierher gekommen, um diesen öffentlichen Platz in der Mitte unserer Stadt einzunehmen und zu demonstrieren für Freiheit, Toleranz und Miteinander. Und um zu zeigen: Marktheidenfeld ist bunt! Wir leben hier mitten in Europa in Freiheit und Frieden sehr priviligiert und genießen, was die Mehrheit der Menschen auf unserem Planeten nicht kennt:

• die Freiheit, unsere Meinung öffentlich zu sagen
• die Freiheit des Glaubens,
• die Freiheit des Reisens und des Niederlassens
• die Freiheit der Kunst Wir genießen in Europa Vielfalt –
• der Sprachen
• der Mentalitäten
• der Begabungen
• der Kulturgüter
• der Landschaften…

Nur durch die Bewahrung der Freiheit kann auch die Vielfalt, die uns alle reich macht, bewahrt werden – und die Grundlage dieser hart errungenen Freiheit in Europa ist die Toleranz! Ich zitiere aus einer Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem Europäischen Parlament: Europas Seele ist die Toleranz. Europa ist der Kontinent der Toleranz. Um das zu lernen, haben wir Jahrhunderte gebraucht. Auf dem Weg zur Toleranz mussten wir Katastrophen durchleiden. Wir haben uns gegenseitig verfolgt und vernichtet. Wir haben unsere Heimat verwüstet. Wir haben gefährdet, was uns heilig ist. Die schlimmste Periode von Hass, Verwüstung und Vernichtung liegt noch kein Menschenleben hinter uns. Sie geschah im Namen meines Volkes. Aus dieser Jahrhunderte langen Geschichte sind wir in Europa ganz gewiss nicht zum Hochmut berechtigt gegenüber den Menschen und Regionen auf der Erde, die sich heute schwer tun, Toleranz zu üben. Aber aus dieser Jahrhundertelangen Geschichte sind wir in Europa dazu verpflichtet, überall in Europa und auf der ganzen Welt Toleranz zu fördern und allen zu helfen, Toleranz zu üben. Die Toleranz ist eine anspruchsvolle Tugend. Sie braucht das Herz und die Vernunft. Sie verlangt uns etwas ab. Aber keineswegs ist sie mit Beliebigkeit und Standpunktlosigkeit zu verwechseln…

Die Toleranz ist ihr eigener Totengräber, wenn sie sich nicht vor der Intoleranz schützt. Oder mit den Worten Thomas Manns gesagt: „Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt.“ Ende des Zitats. –

DAS BÖSE – wie erkennt man das? Es begegnet uns in Intoleranz, in Einschüchterungsversuchen und Angsterzeugen, in Hass, Bedrohung und Gewalt . Die Folgen davon sind Fremdenfeindlichkeit, Diktatur, Verfolgung Andersdenkender, unsägliches Leid für alle. Wir haben aus der Geschichte gelernt und sagen deshalb: Unsere Toleranz endet dort, wo sie den Rücksichtslosen hilft – wehrhafte Demokratie bekennt schon an dieser Stelle Farbe! Wir lieben die Vielfalt, wir kämpfen für den Erhalt und die Verbesserung der Demokratie und wir wehren uns gegen diejenigen, die sich auf unsere Grundrechte berufen und sie in Anspruch nehmen, um sie zu bekämpfen! Wir sagen und zeigen ihnen: Marktheidenfeld ist bunt!

Wir Bürger der Stadt Marktheidenfeld stehen dauerhaft ein für Weltoffenheit und Miteinander! Toleranz lässt sich nicht per Gesetz verordnen und Intoleranz lässt sich nicht per Gesetz verbieten. Deshalb sind wir verpflichtet, einerseits Wissen zu vermitteln , vor allem aber Begegnungen mit den Menschen und der Vielfalt Europas in allen ihren Gestalten zu fördern, um so Verständnis und Respekt vor anderen Kulturen nicht nur zu erwerben, sondern selbst dadurch reicher zu werden. Unsere Städtepartnerschaften mit Monfort-sur-Meu in Frankreich seit 20 Jahren und die neue Partnerschaft mit Pobiedziska in Polen sind sichtbares Zeichen fürnseren gemeinsamen Willen und unser dauerhaftes Bemühen, denn sie werden getragen von einer breiten Basis, die sich durch alle gesellschaftlichen Gruppen unserer Stadt zieht.

Wir wissen auch, dass mangelnde Bildung, Angst und Perspektivlosigkeit anfällig machen für Hetze und Hass – mit schrecklichen Folgen. Gemeinsam müssen wir verhindern, dass unsere Gesellschaft weiter auseinanderdriftet. Das gilt für diejenigen, die politische Verantwortung tragen, aber auch für jeden Bürger in seinem Lebensbereich. Das Erleben von Nächstenliebe, Hilfe, Gemeinschaft und Gerechtigkeit verhindert Angst und Wut – und nur wer selbst Gutes erlebt hat, ist in der Lage, gut zu sein. Es gibt in unserer Stadt viele Menschen und gesellschaftliche Gruppen, die tatkräftig seit langem für diese Ziele arbeiten. Die Bedingungen dafür zu verbessern, ein offenes Ohr für Vorschläge und die Mitarbeit daran sind für mich und den gesamten Stadtrat ein Anliegen. Es gibt viele Mitbürger, die der Meinung sind, den für morgen angekündigten Aufmarsch von Rechtsradikalen sollte man durch Nichtbeachtung strafen. Da hätte ich ein schönes Bild vor Augen: Ein Aufmarsch, der durch sich durch menschenleere Straßen mit geschlossenen Fensterläden bewegt.

Leider ist das aber nicht umzusetzen. Und deshalb bitte ich Sie herzlich: Nehmen Sie morgen teil, wenn Marktheidenfeld Farbe bekennt: Um 13 Uhr, wenn wir uns in einer großen, bunten Gemeinschaft in der Josefskirche zu Meditation und Gebet treffen und um 19 Uhr am Adenauerplatz, wenn wir zusammen nach der Abreise der Rechtsextremen die Stadt mit Schaufel und Besen vom braunen Dreck reinigen!

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